Die Sternenscheibe die nachts leuchtet

32 Jahre und 28 Tage (YPS 437)

Als ich noch ein kleiner Lausejunge war verlebte ich meine Kindheitstage in meinem kleinen Heimatdorf, in dem noch teilweise die Hühner über die Straßen liefen, die Kinder die Freizeit oft in den Wäldern rings herum verbrachten und man abends noch die Milch mit der Kanne direkt von einem der Bauern (genauer gesagt vom “Eckbauer Willi”) im Dorf holte. Es waren durch und durch glückliche Tage, aber die eindeutig besten Tage davon waren die Tage, an denen die “Becke” im Dorf war.

“Becke” so nannte man die Verkäuferin, die in einem kleinen alten VW-Bus damals in den frühen 80ern durch die kleinen Dörfer (die keinen Dorfladen besaßen) fuhr, um dort Waren zu verkaufen. Dieser VW-Bus war dementsprechend hoffnungslos vollgestopft mit allerlei Waren (von Backpulver bis zu Tabakwaren), die man eben so im Haushalt benötigte und bot in seinem hinteren Teil gerade noch soviel Platz, dass “Becke” dort sitzen und die Waren um sich herum greifen konnte.

Zu diesen Waren, die man bei der Becke kaufen konnte, gehören auch Zeitschriften und für uns war damals nur eine Zeitschrift wirklich interessant und die hieß “YPS” (später war es dann natürlich auch die “BRAVO”… oder zumindest Teile davon…). Dieser Wikipedia-Artikel wird euch bei Bedarf Auskunft über die Zeitschrift mit dem seltsamen Namen “YPS” geben. Das Besondere an YPS war aber, dass in jeder Ausgabe ein sogenanntes “Gimmick” dabei war. Die Gimmicks sind unter den heutigen Erwachsenen (30-50 Jahre) teilweise noch immer legendär und sorgen auch nach so langer Zeit für strahlende Augen (Eingeweihten nenne ich da nur die Eier der Uhrzeitkrebse, den Solarofen, das Solarzeppelin oder das selbständig auf- und abtauchende Uboot uvm.) und dieses Gimmick war für uns Kinder schon damals das Hauptkaufargument für diese Zeitschrift.

DM 2,90 meines Taschengeldes gingen regelmäßig und ohne Reue für diese Zeitschrift drauf, wobei es immer ein Drama war, wenn in den Dörfern und Halteplätzen (welche die Becke abfuhr bevor sie bei uns im Dorf war) schon ein anderes Kind mir die letzte Ausgabe von YPS weggekauft hatte… dann konnte man nur warten, dass die Becke beim nächsten Mal Nachschub dabei hatte.

In Ausgabe Nummer 437 von YPS, die am 29.02.1984 erschien, befand sich sich als Gimmick eine Sternenschreibe, die drehbar war und in der Dunkelheit leuchtete. Dieses Ding war damals eine echte Attraktion für uns Kinder (ich war damals 9 Jahre alt) und bis heute hätte ich mich problemlos an dieses Gimmick erinnern können.

Heute brachte mir meine Schwester exakt diese Sternenscheibe (die ich vor über 32 Jahren mit eben jener YPS-Ausgabe gekauft habe) vorbei. Diese Scheibe wurde wohl beim Umräumen unserer alten (hier noch in Süddeutschland lagernder) Kindersachen gefunden und meine Schwester hat liebenswerterweise daran gedacht, dass mir das Wiedersehen damit Freude machen könnte und bewahrte die Scheibe für mich auf. Damit hatte sie auch absolut Recht!

Kennt ihr den Film “Die fabelhafte Welt der Amélie“? Ich meine die Szene, in der sie das kleine Zigarrenkästchen mit dem Spielzeugkrimskrams eines Kindes (das sie in einem kleinen Versteck gefunden hatte) an seinen Besitzer zurückgab, der inzwischen schon so alt geworden ist, dass er selbst schon Opa war? Es ist schon ein sehr seltsames und gleichzeitig trauriges und glückliches Gefühl ein Stück verschollener Kindheitserinnerung nach so langer Zeit wieder in der Hand zu halten…. und der Film hat Recht: hält man sowas in Händen, kommen einem dabei so viele längst verloren gelaubte Erinnerungen in den Sinn. Es fühlt sich schon fast ein wenig nach Zauberei an.

Die Scheibe leuchtet noch immer und abgesehen von etwas Staub und dass der Karton leicht wellig ist (was nach 1-2 Tagen unter einem dicken Buch liegend sicher wieder behoben ist), sieht das Ding noch immer aus, als hätte ich es eben erst dem YPS-Heft entnommen.

Meine Güte, wie lange ist das her, dass ich mit diesem Ding hantierte und mir die Sternenbilder im Nachhimmel suchte!? Man kommt ins Grübeln, wo die Zeit geblieben ist und wieviel zwischen meinem heutigen Ich und dem Kind von damals liegt und wer man alles in der Zeit dazwischen war. Dagegen sind die Sterne am Himmel heute noch immer ebenso gegenwärtig, wie sie es damals schon waren, als ich zum ersten Mal mit der Sternenscheibe in den Hand in den Nachthimmel schaute… denn für die Sterne bedeuten diese Jahre nicht einmal einen Wimpernschlag.

Sowas ringt einem schon Erfurcht vor allem ab, was da oben zu finden ist.

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