Landesfahne Baden-Württemberg

Der kleine Laden (Expedition Suebia Tag 3)

In dem (von meinem Heimatdorf aus gesehen) übernächsten Dorf, das ebenfalls hier mitten in der ländlich-schwäbischen Pampa liegt, leben ca. 3.000 Einwohner. Im Vergleich zu meinem Heimatdorf (das es nicht einmal auf 1.000 Einwohner bringt – selbst wenn man auch die umliegenden Siedlungen und Teilorte dazurechnet) ist das natürlich doch eine große Zahl.

In diesem kleinen Dorf gibt es aber ein kleines dörfliches Bekleidungsgeschäft. Man könnte es als einen “Tante Emma Laden” für Kleidung bezeichnen…. zumindest erweckt es von außen den Eindruck, denn die beiden Schaufenster versprühen einen Charme der nach “gestern” riecht und zeigen Mode, wie man sie eher als Frau in diesen Gefilden im fortgeschrittenen Alter z.B. auf einem 50. oder 60. Geburtstag oder beim jährlichen Treffen der Landfrauen-Vereinigung tragen würde. Der Laden befindet sich in Familienbesitz und ist vermutlich ein klassisches Beispiel für den typisch schwäbischen Unternehmerfleiß, wie er sich auch über Generationen fortsetzt.

Leider wurde der Laden aber eben insgesamt doch von der Zeit eingeholt und wirkt in seiner Ausstattung im Vergleich zu den schmucken Modeltempeln in den großen Städten eher wie ein Heimatmuseum oder ein Antiquaritat. Schon der Aufkleber für “EC Cash” als akzeptiertes Zahlungsmittel, den ich an der Eingangstür angebracht sah, entlockte mir doch insgeheim Staunen über soviel Modern Life hier. Andererseits muss man aber auch sagen: eine schicke Filiale einer modernen Modekette, mit viel Licht und Glas würde in so einem kleinen Hinterland-Dorf wohl noch deplatzierter wirken.

Nein, das alles soll nicht böse oder abwertend klingen! Für diese Gegend und für die Kundschaft ist dieser Laden absolut passend. Leicht erreichbar und mit der passenden stets persönlichen und umfangreichen Beratung. Außerdem (und darum geht es mir eigentlich auch) ist dieser Laden für mich sowas wie ein Zauberladen, denn was das Einkaufen dort betrifft ist dieser Laden für mich schon immer ein Phänomen gewesen…

Jetzt muss man wissen, dass ich früher mal Banker war. Ein Banker braucht Anzüge. Aber auch danach, als ich den Job wechselte, brauchte ich noch immer Klamotten, die man im Büro tragen und auch vor Kunden noch gediegen auftreten konnte. Nun, Stuttgart ist nicht weit, Ulm ist nicht weit… und auch einige andere Städte wären gut von meinem Heimatdorf aus zu erreichen und dort gibt es insgesamt wirklich mehr Klamottenläden als man überhaupt durchwühlen kann. Aber seit über 20 Jahren mache ich immer wieder die gleiche unglaubliche Erfahrung: ich klappere alle Läden in den großen Städten ab (in dem Fall zum Beispiel auch alle großen Läden in meiner Wahlheimat Hamm/Westf.) und finde einfach nichts was mir passt und was gut sitzt, Qualität hat und bezahlbar ist… aber wenn ich mal in dieses kleine winzige schwäbische Hinterland-Nest fahre, in diesen altmodisch aussehenden Laden gehe und (wie immer sofort) einen persönlichen Berater habe, dann braucht es von ihm/ihr nur maximal 2-3 Griffe und schwubbs habe ich IMMER (!) ein für mich perfektes Kleidungsstück gefunden.

Das ist in dieser Regelmäßigkeit/Verlässlichkeit kaum zu glauben, aber wirklich wahr.

Auch diesmal habe ich das (nach Jahren, seit ich zuletzt Gelegenheit hatte den Laden zu besuchen) wieder getestet. Lange Zeit schon suche ich nach einer vernünftigen Jeans, die trotz meiner unförmigen Hüftgegend vernünftig sitzt (insb. im Schritt) und die dennoch keine Beinlänge hat, dass man daraus zwei Hosen machen könnte… es war einfach auch in allen Läden in Hamm nichts zu finden… oder wenn, dann bestenfalls nur Schrott, der an den heikelsten Stellen kneift und zwickt.

Also bin ich zu diesem kleinen Laden gefahren. Der Chef stand natürlich schon parat um mich zu beraten, als die Eingangstüre noch nicht richtig in Schloss gefallen war. Eine brauchbare Jeans wollte ich, die am Beinende nicht so eng zuläuft, sondern locker über den Schuh fällt. Der Chef führt mich zu einem Regal, schaut mich einmal an, greift in den Jeans-Hosen-Ständer und zieht eine Jeans raus. Ich zieh die Jeans in der Umkleide an und stelle innerhalb von Sekunden fest: es ist DIE Jeans, die für mich gemacht wurde… ganz ehrlich, so gut sitzend hab ich mich schon ganz lange nicht mehr in einer Jeans aufgehoben gefühlt.

Also sofort gekauft und innerhalb von nicht einmal 10-15 Minuten war ich mit dem Thema Jeanskauf durch… und das nachdem ich so oft und lange vergeblich im Ruhrpott und anderswo danach gesucht habe. Dieser Laden (so altbacken und ländlich er auch wirken mag) bleibt deshalb ein absolutes Phänomen für mich, denn es war wirklich noch nicht anders wie ich es heute wieder erlebt habe. Kein Wunder also, dass sich dieser Laden trotz seiner Abgeschiedenheit und seiner Aufmachung schon über Jahrzehnte halten kann.

Eins weiß ich auch gewiss: wenn ich mal wieder in meiner alten Heimat bin, werde ich mir vorher nicht mehr in NRW die Füße platt laufen um vergeblich nach Klamotten zu suchen, die mir dieser Zauberladen innerhalb von Minuten aus seinem Fundus herbeizaubert.

Es ist einfach schön, dass es sowas heute noch gibt!

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