Herzlichen Glückwunsch, Torte!

Wer hätte das gedacht, dass die “Schwarzwälder Kirschtorte” gar nicht aus dem Schwarzwald stammt? So habe ich das diese Woche bei meinem frühmorgendlichen Blick in die Online-Nachrichten gelesen.

Vor genau 100 Jahren und 2 Tagen soll die erste Schwarzwälder Kirschtorte das Licht der Welt erblickt haben… wohl aber nicht für besonders lange Zeit, wenn die damals schon so gut geschmeckt hat, wie ich sie kenne. Heute möchte ich diesem süßen Stück tortengewordene Verführung zum Anlass ihres 100jährigen Geburtstags ein paar Worte widmen.

Das hat jedoch nicht allein nur mit der Torte, ihrem Rezept und ihrer Beschaffenheit zu tun, sondern vor allem mit meiner zu Anfang dieses Jahres verstorbenen Oma, denn die zweifellos unangefochten besten Schwarzwälder Kirschtorten, die jemals auf diesem Planeten existiert haben, kamen völlig unzweifelhaft von meiner Oma.

Da lasse ich auch überhaupt nicht mit mir streiten. Basta.

Ich weiß nicht welches Rezept sie verwendete oder was ihr Geheimnis war, aber keines ihrer vielen Kinder (die ich als meine Mutter bzw. Tanten kenne) hat eine Schwarzwälder Kirschtorte jemals so lecker zaubern können wie das Oma konnte… und bei so einer großen Sippe wie meiner gab es wirklich genug Gelegenheiten dies zu erfahren. Natürlich waren alle Torten auf ihre Art lecker, aber sie waren eben letzten Endes doch nicht “Oma-Lecker”.

Daher ist für mich der Geschmack dieser Torte mit zunehmdem eigenen Alter immer mehr ein Stück heile Kinderwelt-Erinnerung geworden – eine kleine Zeitreise in sorgenlose Sommertage der Kindheit und zu glücklichen Momenten.

Geschmack birgt Erinnerungen und bringt sie manchmal mit einer Intensität zurück, die einen selbst überrascht. Ich denke an die Küche und das Wohnzimmer meiner Oma und an den alten 50er Jahre Geschirrschrank, die alten Fotos an der Wand, das Luftbild vom Haus mit dem roten VW Käfer davor… an große Familienfeiern und was es da so alles gab (vom Mohn- und vom Rhabarberkuchen will ich gar nicht erst zu schwärmen anfangen…). Damals war alles noch irgendwie sonniger und wärmer, leichter, süßer und fröhlicher.

Nun hat meine Oma schon eine Weile vor ihrem Tod keine Torten mehr gebacken. Das hat das Alter einfach nicht mehr zugelassen… und nach ihrem Tod hab ich genau ein einziges Stück Schwarzwälder Kirschtorte “woanders” gegessen…. mit dem Ergebnis, dass ich einsehen musste, dass diese vom Geschmack her einmal mehr einfach nicht mit der Oma-Edition mithalten konnte.

Danach hab ich mich entschlossen: “Keine Schwarzwälder Kirschtorte mehr in diesem Leben, weil sie sowieso nicht an die meiner Oma heranreicht”.

An Tagen wie in dieser Woche (oder wenn ich beim Konditor mal eine dieser Torten sehe) denke ich voller Sehnsucht daran, widerstehe aber der Versuchung mit auf irgendeinen Abklatsch einzulassen. Ich bleibe lieber abstinent und erfreue mich meiner Erinnerungen. Manche mögen so ein Verhalten vielleicht komisch finden…. meine Oma würde das wohl auch so sehen.

Aber ich bin einfach der Meinung, manche Sachen dürfen ruhig “besonders” bleiben.

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