August Stramm (1874-1915)

Hurra, endlich Krieg!

Nachruf:

Am 1. September 1915 fiel bei einem Sturmangriff über
einen Kanal an der Spitze seiner Kompagnie

Hauptmann der Reserve

August Stramm

Ritter des Eisernen Kreuzes 2.Klasse, des Oesterreichischen Verdienstkreuzes mit der Kriegsdekoration und eingegeben zum Eisernen Kreuz 1. Klasse. Seit Januar dieses Jahres dem Regiment angehörend, hat er an den schönen Erfolgen des Regiments zum Teil als Bataillonsführer hervorragenden Anteil. Sein Name ist mit der Geschichte des Regiments, das mit ihm einen seiner tüchtigsten Offiziere verloren hat, eng verknüpft. Als treuer Kamerad und unermüdlich fürsorgender Vorgesetzter wird er uns allen unvergeßlich sein.

Im Namen des Offizierkorps
Ahlers
Major und Kommandant des
Reserve-Infanterie-Regiments 272

Hurra, endlich Krieg„… das ist nicht meine Idee, sondern ein Zitat eines jungen deutschen Soldaten aus Bremen im Jahre 1914. Über 100 Jahre ist das nun schon her und noch immer finden sich in allen Teilen der Welt mehr als genug Menschen, die für irgendwelche Ideen oder Götter freudig in den Krieg ziehen.

Zum Glück und dank des schnellen Internets gibt es heute viele Möglichkeiten sich über vergangene Katastrophen wie dem 1. Weltkrieg ein Bild zu machen. Die ARD hat auf ihren Seiten beispielsweise ein wirklich gut gemachtes Special eingerichtet (hier klicken).

Doch trotz aller Dokumentation und allen Berichten und Erzählungen, es ist und bleibt aus heutiger Sicht und mit dem historischen Wissen darüber, was ein moderner Krieg ist, völlig unverständlich, wie man sich als junger Mensch mit „Hurra, endlich Krieg“ in den Untergang stürzen kann… damals schon und erst Recht heute. Sicher, ich habe auch meinen Eid aufs Vaterland geleistet und auch ich müsste, sofern der Verteidigungszustand eintritt, meinem Eid folgen, doch ist es eben ein Unterschied, ob man sich das herbeisehnt oder nicht.

In welcher Nationalen- und Mannesstolz-durchtränkten Trunkenheit sich weite Teile der Deutschen (ich vermeide absichtlich das Wort „Nation“, denn es war noch ein anderes Land und eine andere Staatsform damals) befunden haben müssen, ist schon sehr seltsam. Ich schätze mal, weil die meisten einfachen Leute sich auch keine Vorstellung machen konnten, welches neue Kriegsgerät seit dem letzten Krieg 1870/1871 entwickelt wurde (und z.B. wie sinnlos ein Maschinengewehr einen Aufmarsch in preussischer Schlachtreihe macht) stellten sie sich den Krieg wohl als landesweite Kostümveranstaltung mit Verletzungsrisiko vor.

Klar, die Presse war damals auch nicht so frei, wie sie es heute sein könnte. Damals wurde vom Krieg nur berichtet, was Kaiser und König ins Konzept gepasst hat. Die Medien beschränkten sich im Bestfall auf ein Tagblatt und von Vielfalt konnte man dabei auch nicht gerade reden…. und trotzdem, ich verstehe einfach nicht, wie man sich als normaler Mensch des Volkes (der vom Krieg nichts hat) einen Krieg herbeiwünschen kann.

In den letzten Wochen bin ich auf einen (wie ich meine) ganz besonderen Menschen aus jener Zeit gestoßen. Ein 1874 unweit von mir in Münster geborener Deutscher, der im Krieg als Soldat diente und zuletzt als Bataillonsführer im Jahre 1915 an der Ostfront fiel.

Sein Name war August Stramm und er schrieb Gedichte.

Inzwischen habe ich so gut wie alle seine Gedichte, die im Internet zu finden wahren, gelesen und ich mag seine Sprache sehr. Mit dem Expressionismus an sich konnte ich eigentlich nie viel anfangen… zu undefiniert und zu vage war mir das bisher immer… aber seine Zeilen verstehe ich irgendwie.

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir dabei sein Werk „Der Letzte„, das wie kein anderes die Wahrheit des Wahnsinns im Krieg (die ich zum Glück selbst auch nie kennenlernen musste) beschreibt:

Der Letzte

He! da oben! Lachen! ich lache! drei Tage stürzen! brüllen!
drei Tage Jahre Ewigkeiten! und bist noch nicht zerstürzt! verfluchter Himmel! Blaubalg! pafft Zigarren und stiebt Asche. alles zusammen. den Graben. Schützengraben. Schutz. Grab. die Stellung wird gehalten bis zum letzten Mann! vorwärts Jungens. Das Blaugespenst klimmt rote Augen auf. rot. feuerrot. verschlafen. Der Tag hält nicht aus. so oder so! schießt! schießt! der Wald! ja. in den Wald! Schädel. Wolken. lustig! der beste Schütze darf. ja. darf zuerst schlafen. Teufel! schlafen. Mord Müdigkeit Rasen Wut! He! Bursche! Bursche da vorn! willst du? willst du schießen?! du? ja? der Kopf zwischen die Beine geklatscht? Drückeberger! schießen! knallen! seht! sie kommen aus dem Wald. raus aus dem Lauf! die Backe gesetzt! brav! brav! Schnellfeuer! Blaue Bohnen! Bohnen! Blaue Augen! mein Schatz hat blaue Augen. haha! drauf! drauf! sie laufen. Korn nehmen. Zielscheiben. laufen. Mädchenbeine. ich beiße. beiße. verflucht. Küsse scharfe. drauf gehalten! Standvisier Aug in Auge! Wasser? was? die Läufe glühn? alle Schläuche glühn. letzte Nacht hat die Feldflasche zerschlagen. das trockne Glas geleckt. die Zunge blutet. schluckt. schluckt. schießt die Flinten kalt. euch selber kalt. kaltes Blut! da vorne pfützt Wasser. Pfui Teufel! gierig! Dreck! Blut. blutiger Dreck. Blut modert zu schnell. Feuer! Schnellfeuer! raus! nicht einschlafen! wer? nehmt ihm die Patronen aus der Tasche. wir brauchen sie. der Kerl blutet! ein kleines Loch kann so bluten! schießen! Zielpunkt. Donner! Knacken! das Flattern! so müßt ihr auch schießen. zielen. zielen. gut. ruhig. die Hunde drüben. die arme Erde. Brief in der Tasche? natürlich. schlapp und gleich tot auf der Nase. »mein lieber Mann!« ja. Männer brauchen wir. aber keine toten hier. essen. Bröckel Schokolade. Mutter. schießt Kerle. ach Mütter weinen immer. schießt! ich war ein weicher Junge. Teufel! Kopf hoch! die Nasen aus dem Dreck! Was?! keiner? alle? Faullenzer! Verstärkung. hört ihr? Verstärkung kommt. Feind nicht ranlassen! die Flinten vor! Teufel! totsein ist Schande! seht! ich schieße. schieße. Verstärkung. hört! Trommeln. Hörner. Tata trrr! eilt da hinten! eilt! Muttertränen. Vaterbrünste. Dreck! Drei Tage Dreck! Menschen! meine Mutter hat mich immer so sorgsam gewaschen. Grab. Hölle. Teufel. mein Arm schießt. Finger ladet. Auge trifft. Hurrah! Hurrah! die Beine in die Hand! Hurrah! Tod und Leben! hurrah! Eisen! hurrah! drauf! Mein Kopf! Kopf! wo ist mein Kopf? voran. fliegt. kollert. brav. Bursche! in den Feind! beißen beißen! Säbel! ha! weich der Vaterbauch. weich. Mutter. wo bist? Mutter. seh dich nicht? Mutter du küßt. Mutter. rauh. halte mich. ich falle doch. Mutter ich falle. Mutter.

Verfasser: August Stramm, 1874-1915

Man mag sich eigentlich nicht vorstellen, was so ein Mensch gesehen haben und welche Bilder er davon im Kopf behalten haben muss um solche Zeilen schreiben zu können. Vielleicht hätte es gut getan, hätten die Zeitungen solche Zeilen gedruckt anstelle der heroischen Meldungen und Siegesnachrichten. Ich möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie sich die Werke von August Schramm entwickelt hätten, hätte er den Krieg noch bis zum bitteren Ende miterlebt…. immerhin fiel er schon ein Jahr nach Kriegsbeginn – vielleicht ein Glück für ihn.

Dieses Gedicht wirkt jedenfalls sehr stark auf mich, weil es den ganzen Heroismus, den ganzen falschen Glitzerglanz vom gloreichen Kampf für Gott und Vaterland (usw) beiseite wischt und es darauf reduziert was es eigentlich ist: ein unmenschliches Dreckfressen, Blut und Tod und der Tod ist immer einsam und nie heldenhaft.

Ich weiß zwar, dass August Stramm in Russland gefallen ist, aber nicht wie er letztlich gestorben ist… ob er davon noch etwas bemerkt hat oder nicht… aber ich würde ihm wünschen, dass er nicht noch lange Zeit hatte seine letzten Zeilen, wenn auch nur im Kopf, über seinen eigenen Tod zu formen.

Foto: Von A. Stramm – Die Unvergessenen
Herausgeber Ernst Jünger, 1928, Gemeinfrei
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