Teddybär

Lokale Gemeinschaften in Facebook – Sinn und Unsinn

Das ich mich vor Sozialen Netzwerken (wie zum Beispiel Facebook) nicht scheue müsste vielen klar sein die diesen Beitrag lesen – immerhin bewerbe ich nicht nur meine Fotografie, sondern auch diesen noch recht neuen Blog dort.

Entgegen den alles dramatisierenden Unkenrufern sehe ich in Sozialen Netzwerken mehr Chancen als Risiken, was aber auch auf den Einzelfall (das heißt auf den jeweiligen Nutzer) ankommt und dabei in der Hauptsache darauf, ob und welche privaten Informationen dieser in das Netz gibt.

Es stört mich nicht, wenn ein Tony aus San Diego, den ich noch nie in meinem Leben getroffen habe, weiß dass ich heute im Kurpark eine Runde laufen gehen werde. Tony hat bisher nur ein paar Bilder geliked und nicht weiter an meinem virtuellen (und erst Recht nicht an meinem realen) Leben teilgenommen. Vielleicht stört mich viel mehr, dass es Tina und Markus wissen, wo ich heute sein werde, denn sie wohnen nur um die Ecke und wenn ich keine Lust habe ihnen heuten zu begegnen, dann habe ich schon wieder Hemmungen dabei zu schreiben, wo man mich heute finden wird.

Wenn das sonst geographisch relativ undefinierte Soziale Netz, bei dem mir Tony aus San Diego auf dem Bildschirm ebenso nah ist wie Tina und Markus von nebenan, zu einer sehr lokal begrenzten Sache wird, dann klingeln manchmal alle Alarmglocken bei mir.

Geradezu prädestiniert für ein ganzen Konzert dieser Alarmglocken sind für mich die lokalen Facebook-Gruppen.

Nun, jede größere Stadt (ja, ich nenne dieses Flächendorf “Hamm” nun auch mal eine Stadt… was ich sonst nicht wirklich gern tu) oder auch jedes zusammenhängende Einzugsgebiet hat natürlich ihre Gruppen und manche davon machen Sinn. Man denke hier zum Beispiel an An- und Verkaufsgruppen, an Veranstaltungstipps oder Verloren/Gefunden-Gruppen oder an Gruppen, die sich nach Hobby vereinigen (z.B. gemeinsam Laufen gehen usw).

Dennoch muss ich mir dabei immer im Kopf behalten, dass ich in der Interaktion mit diesen Leuten eben nicht mehr so krass unbekannt bin, wie ich das gegenüber Tony in San Diego bin. Wenn zum Beispiel ein Mädel (wie geschehen) ein Handyfoto mit dem Blick auf das Wahrzeichen dieser Stadt veröffentlicht, erkenne ich nicht am Ausblick nicht nur, dass sie keine 50 Meter links von mir wohnt, sondern auch, dass sie in der gleichen Wohnanlage wohnt (denn die Fenster- bzw.  Dachkonstruktion sind identisch). Jetzt weiß ich von diesem hübschen jungen Mädchen schon nicht nur ihren Vornamen, sondern auch fast auf die Hausnummer genau ihre Adresse und dass sie im Dachgeschoss wohnt. Ich weiß also nicht, ob das in jedem Fall so wirklich gut ist.

Nun gut, meine Adresse steht im Impressum meiner Seiten. Das ist leider rechtliche Vorschrift. Aber auf Facebook selbst als “normaler User” würde ich sowas nicht im Userprofil stehen haben wollen und natürlich auch keine Inhalte, die so klar darauf schließen lassen. Die ganzen lokalen Gruppen lassen mir einfach oft eine zu einfache und zu genaue persönlich/lokale Identifizierung zu.

Zudem kennt man den Umgang, den viele User in enthemmter Weise im Netz pflegen, weil sie sich durch die Schnittstelle “Maschine” de-personalisiert fühlen und sich verhalten, wie sie es sich niemals zu tun trauen würden, wenn man ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenüber stünde. Ein solchen Verhalten rächt sich auch in lokalen Gruppen ganz schnell im realen Leben, denn niemand weiß, wem er am Tag darauf im echten Leben begegnet… und manche scheinen gar völlig außer acht zu lassen, dass Menschen (die sie bereits aus dem realen Leben kennen) eventuell auch in Facebook angemeldet sind und mitlesen können.

Die besten Beispiele hierfür finden sich in meiner eigenen Firma, wo ich schon mehrmals Kollegen wegen irgendwelcher von ihnen in lokalen Gruppen verfassten Inhalte privat angeschrieben und empfohlen habe diesen Inhalt wieder zu löschen, bevor es noch relevante Leute aus unserer Firma ebenfalls lesen.

Natürlich schränkt sowas die persönliche Freiheit ein, wenn ich nicht mehr gedankenlos alles Mögliche schreiben kann ohne Angst um Konsequenzen im Realen Leben… aber ist das wirklich ein so unentbehrliches Stück Freiheit? Immerhin kann ich im realen Leben auch nicht immer so reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

Mit besonderem Amüsement, aber auch besonderer Skepsis, beobachte ich seit einigen Wochen eine neue lokale Seite, die sich hier in Hamm besonders hoher Beliebtheit erfreut. Sie nennt sich “Spotted Hamm – Westf.” und dreht sich in der Hauptsache darum, dass man hier Personen suchen kann, die man irgendwo gesehen aber eben nicht angesprochen oder aus den Augen verloren hat.

Eigentlich eine sehr schöne Idee. Jetzt kann ich vielleicht herausfinden, wer denn die schöne Dunkelhaarige war, die mir an der Ampel beim Maximare gestern so schön zugelächelt hat. Eine schöne Idee, die dem lokalen Charakter dieser Seite wirklich etwas Positives abgewinnt.

Aber vielleicht bin ich einfach ein misstrauischer Mensch, denn ich sehe darin auch viele Missbrauchsmöglichkeiten. Da ich meine Suchnachrichten auch anonym verbreiten kann, sehe ich hier wirklich einige Gefahren.

Wenn ich zum Beispiel einen anonym hinterlassenen Text lesen würde (erfunden): “Du arbeitest an der Kasse bei [Beispielsupermarkt], hast rote Haare und ein Piercing in der Lippe und wir hatten ein paar Mal echt heißen Blickkontakt. Ich würde dich gerne wiedersehen.” dann klingt das zunächst einmal nach Spaß. Gleichzeitig frage ich mich aber, woher ich denn bitte weiß, ob diese Darstellung mit den heißen Blicken wirklich der Wahrheit und nicht nur dem völlig subjektiven (weil wunschgesteuerten) Eindruck des Schreibers entspricht? Evtl. hat diese hübsche Frau mit dem Piercing und den roten Haaren schon einen Partner, dem sie in Liebe und Treue verbunden ist. Was wird sich wohl der Partner nun denken, wenn er lesen sollte, dass seine Freundin (angeblich) heiße Blicke aussendet…. und was bedeutet dies für das Beziehungsleben der beiden, nur weil da so ein Kerl jetzt was anonymes geschrieben hat?

Ein reales Beispiel (nur weil es mir gerade unter die Augen kommt): “Jo. Suche die übertrieben geile blonde Kassiererin vom [Firmenname entfernt]. Kennt die hier einer?” (Quelle: die genannte Facebook-Gruppe). Ich finde in solchen Fällen tendiert diese Gruppe einfach ins Negative, denn das hat nichts mehr mit dem zu tun, was die Gruppe an positivem Potential bietet.

Dreht man das ganze noch eine Spur weiter, könnte man dies auch nutzen um bewusst Unfrieden zwischen Menschen zu bringen indem ich bewusst bestimmte Menschen mit einer Beschreibung suche, die zwar nicht stimmt, die aber diesen Menschen Unfrieden in der Partnerschaft erzeugt.

Alles in allem bin ich also der Meinung, dass der Admin hier eine recht gewagte Aufgabe übernommen hat. Nichts desto trotz finde ich die Seite gut, wenn sie richtig und wahrhaftig genutzt wird… ich möchte nur nicht der Verantwortliche sein, der darüber entscheidet.

Und generell… ich bin noch von der alten Sorte Mensch. Ich persönlich würde die Gruppe nur nutzen, wenn ich keine Chance gehabt hätte die Person anzusprechen (z.B. weil sie im Auto saß oder so). Hätte ich die Gelegenheit sie anzusprechen, würde ich das auch kompromisslos tun. Die Möglichkeit zur persönlichen Ansprache nicht zu nutzen um dann später via Facebook und obendrein noch anonym zu suchen (so dass ich zuerst ihre Identität kenne, bevor sie meine kennt) finde ich ziemlich feige und es kann nicht in meinem Interesse sein, dass das Erste was sie von mir kennenlernt meine Feigheit ist. Wo bleibt denn da bitte der gute erste Eindruck? Aber vielleicht legen die jungen Mädels heute auf solche Feinheiten gar keinen Wert mehr… ich weiß es nicht.

Es gibt andere lokale Gruppen wie zum Beispiel eine Gruppe “Hammer helfen Hammer”, die ich inzwischen entnervt verlassen habe und seither bewusst meide. So schön die Überschrift der Gruppe klingt, so wenig hat das Gruppenleben damit noch zu tun. Es wird gelästert, dumm geantwortet und noch dümmer wieder zurückkommentiert, Regeln nicht beachtet, immer wieder über die gleichen Themen gestritten (und wieder gelöscht)… kurz und gut die Admins scheinen entweder der Lage nicht Herr zu werden (es fliegen auch viel zu wenig Leute aus der Gruppe) und/oder sind zu wenige um das noch bewältigen zu können. Als Betrieber einer Community, die bald 10 Jahre am Netz ist, darf ich mir da ein Urteil dazu erlauben. Diese HhH-Gruppe ist das Paradebeispiel dafür, wofür man lokale Gruppen wirklich nicht brauchen kann.

Letztlich bleibt mein Eindruck also gemischt. Chancen und Missbrauchspotential halten sich ungefähr die Waage. Abhängig ist das in der Hauptsache vom Zutun und der Vorsicht der einzelnen User und von der Art, wie die Admins ihre Aufgaben Ernst nehmen.

Ich persönliche halte mich in solchen Gruppen auch weiterhin bewusst auf Sparflamme. Nicht einmal für meine Fotografie mache ich dort Werbung (obwohl das durch den regionalen Bezug sicher zielgruppenorientiert wäre), aber da ich jetzt schon weiß, dass Dummheit, pubertäres Flegeltum, Neid und Missgunst sich dazu einlassen werden und zu wenig durchgreifende Admins dies nicht unterbinden, lasse ich ich es lieber. Den Stress kann ich mir sparen.

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