Tagebücher

Wo ist nur die Zeit geblieben?

Es ist schon ein verdammt komisches Gefühl, wenn man auf der Suche nach Unterlagen auf seine alten Tagebücher stößt. Zwischen 15 und 20 Jahren haben die inzwischen auf dem Buckel und seit ich diese Bücher (damals noch mit viel Fleiß) vollgeschrieben habe, habe ich nie mehr darin gelesen – bis heute.

Was mich am meisten gewundert hat ist, dass ich mich an so viele Dinge und Ereignisse nicht mehr erinnern kann, die damals mein alltägliches Denken bestimmt haben. Zu vielen Namen, die in diesen Büchern vorkommen, fehlen mir in meiner Erinnerung die Gesichter. Viele Situationen, die ich ausführlich schildere, sind mir so unbekannt als wären es Erlebnisse eines anderen Menschen.

Alte Tagebücher sind schon wirklich seltsame Dokumente. Der Mensch, der diese Bücher schrieb, war ein ganz anderer Mensch als ich es heute bin…. doch irgendwie wurde dieser Mensch von damals zu meinem heutigen Ich und das völlig unbemerkt.

Wenn ich lese wie bedingungslos ich mich damals in Beziehungen eingelassen habe… ganz ohne Netz und doppelten Boden, ohne daran zu denken, was mit mir passiert, wenn diese Liebe eines Tages zerbricht (was mehr als nur einmal geschah)… Heute kann ich das so nicht mehr tun. Egal wie sehr ich liebe oder mich auf einen Menschen einlasse, ich habe immer das große Sicherheitsbedürfnis mich nur so weit aus dem Fenster zu lehnen, dass ich den eigenen Halt nicht verliere.

Ob das wirklich besser ist weiß ich eigentlich nicht. Durch dieses Bedürfnis der Eigensicherung verliert man auch viel von dem Zauber, den man früher in Beziehungen fühlte… oder war es einfach nur die unbedarfte Jugend, in der ich mich damals befand?

Zwei ganze Bücher allein habe ich damals nur meiner Freundin Sarah gewidmet, die ich damals “Prinzessin” nannte… leider auch eine Beziehung die mit einer Trennung endete ohne dass ich es wollte. Ich finde es bis heute schade, dass sie die Bücher nie bekommen hat (was eigentlich meine Absicht war damals)…. aber gleichzeitig sind diese Bücher auch ziemlich wertvoll für mich, denn ich bin mir sehr sicher dass ich heute nicht mehr sowas Umfangreiches (in Umfang und vor allem der monatelangen Zeitdauer) anfertigen würde, auch wenn das meine Freundin ganz sicher nicht weniger verdient hätte.

Es ändert sich die Art zu lieben, wenn man älter wird… oder ist es eher der Satz, dass man aus Schaden klug wird? Ich bin mir nach wie vor unschlüssig was besser ist… das Damals oder das Heute.

Nun gut, ich werde die Bücher geschlossen lassen und vielleicht in 15 Jahren noch einmal aufschlagen. Dann, im Jahr 2031 werde ich (so ich noch leben sollte) vielleicht besser als heute wissen, was besser war… auch wenn es dann erst Recht nur noch ergraute Erinnerung ist.

Etwas bedrückend finde ich auch, dass viele Dinge, die mich damals schon nicht glücklich machten, selbst heute noch in meinem Leben gegenwärtig sind. Das ist schon eine sehr traurige Tatsache, wenn es nach so langer Zeit nicht geschafft hat sich von Dingen, die einem keine Freude bringen, gedanklich zu trennen.

Viele Momente meines Lebens sind mir aber auch heute erst wieder richtig bewusst geworden… lange interessante Episoden, die ich aber inzwischen irgendwie ausgeblendet hatte.

So werde ich also gleich mit vielen Gedankenbildern im Kopf ins Bett gehen und versuchen so wenig wie möglich davon zu vergessen, denn sie sind ein Teil von mir.

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