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Woran man merkt, dass man alt wird…

Sonntagmorgen, 06:47 Uhr und schon hat man wieder die erste Alter-Sack-Klatsche kassiert….  Ich weiß nicht, in letzter Zeit häuft sich das irgendwie stark oder kommt mir das nur so vor?

Ich weiß noch, wann ich mich zum ersten Mal wirklich alt gefühlt habe. Das muss vor 10 oder 11 Jahren gewesen sein als ich mal die Tagesschau schaute.

Früher, als ich noch ein Kind war, waren die Tanten in der Tagesschau, die die Nachrichten vom Blatt gelesen haben, in meiner (jungen) Wahrnehmung fast schon halbe Omas. Da ich auch eine  junge Mutter hatte war dieser Eindruck vielleicht dadurch auch noch etwas verstärkt. Jedenfalls wirkten die Nachrichten-Tanten für mich (gelinde gesagt) stets sehr gesetzt… bis ich vor einigen Jahren mal eine neue Tagesschau-Sprecherin sah und dachte: „Hoppla, die ist ja echt hübsch…“ und einen Bruchteil einer Sekunde später schoss es mir durch das Hirn: „Scheisse! Jetzt bist Du alt!“, denn wenn ich jetzt die Tanten, die ich früher immer als so alt wahrgenommen hatte, nach einiger Zeit plötzlich ziemlich attraktiv finde, dann war das einfach der naheliegendste Schluss.

Meine Papa meinte ja mal, er hätte sich zum ersten Mal dann richtig alt gefühlt, als eine Sammlung seiner Lieblingshits aus Jugendzeiten im Fernsehen als „Super-Oldie-Collection“ angeboten wurde. Ich schätze, ich hatte da einen ziemlich ähnlichen Moment… vielleicht sollte ich auch mal was zu diesem Thema aus musikalischer Sicht schreiben, denn im Verlauf meines bisherigen Lebens wurde auch schon einiges an Musikgeschichte fortgeschrieben. Aber das ist ein anderes Thema.

Jedenfalls verstärken sich so langsam die ersten Anzeichen fürs Altwerden doch… immer öfter flüstert mir mein Körper in der einen oder anderen Situation schmerzhaft zu, dass das was ich gerade oder kürzlich getan habe, nicht unbedingt die beste Idee war. Kleine Zipperlein, wie zur Zeit mit dem Fuß oder der Krankenhausaufenthalt vor wenigen Monaten, häufen sich auch schon – zumindest für meine Verhältnisse. Gut, davon ist auch viel auf das Übergewicht und die falsche Ernährung zurückzuführen (ein Thema, gegen das ich aber schon seit einiger Zeit angehe), aber das Alter wird auch seinen Anteil haben.

Ganz untrügliche Anzeichen für das Altwerden sind (neben steigenden Anzahl der Jahre im Lebensalter) aber auch online festzustellen…

Immer größer wird zum Beispiel die Angst, dass irgendwann nach endlosem Scrollen in der Jahreszahl-Leiste während einer Registrierung auf einer Homepage die Zahl meines Geburtsjahres vielleicht schon gar nicht mehr in der Auswahl vorhanden ist. Irgendwann kommt vielleicht der Tag, wo diese Auswahl irgendwo in den 80ern aufhört….

Inzwischen muss ich auch schon manches neue Wort im Sprachgebrauch erstmal googlen um seine Bedeutung zu erfahren, weil ich dies im alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr so nebenher mitnehme. Gut, hier könnte man vielleicht anmerken, dass es auch daran liegt, dass ich meine sozialen Kontakte abseits der Fotografie bewusst auf ein Minimum beschränke und daher der Austausch nicht mehr so stark ist wie er sein könnte. Dennoch bezweifle ich stark, dass jemand in meinem Umfeld zum Beispiel jemals das Wort „bae“ mir gegenüber verwendet hätte.

Google sagt „bae“ bedeutet soviel wie „Schatz“ oder „Sweety“ oder „before anyone else“… was natürlich der Partner/die Partnerin aber auch der allerbeste Kumpel oder die allerbeste Freundin sein kann. Wieder mal ein Synonym dafür wie undefiniert und fließend heute manche soziale Bindung in Zeiten von Internet und Facebook-„Freundschaften“ ist. Dass mir eine Facebook-Bekanntschaft noch mitgeteilt hat, dass „bae“ im Dänischen ein Ausdruck für „Scheisse“ ist, tut da sein übriges (abgesehen davon, dass die lieben Dänen im internationalen WWW-Bilder-Raum derzeit sicher viel Spaß haben, wenn dauernd irgendwelche Pärchen-Fotos zu sehen sind auf denen Scheisse steht).

Nun, kommen wir zu heute morgen… wie gesagt Sonntag 06:47 Uhr. Ich habe einen verdammt üblen Traum hinter mir (einer von der Sorte mal wieder, bei dem man froh ist, dass man nach dem Aufwachen nicht allein im Bett ist) und weil ich ohnehin nicht mehr schlafen kann, setze ich mich also an den PC und öffne Facebook Nach einigen Minuten ploppen rechts auf der Chatleiste sogar auch schon die ersten grünen Lichtlein auf und weil ich mit einem dieser grünen Lichtlein morgen ein Shooting habe, schreib ich mal was in die Chatleiste:

„Na, auch schon wach?“

… und zurück kommt …

„Gerade erst zuhause angekommen wohl eher….“

Klatsch!!! Aua!!!! Da war sie wieder, die „DU BIST SO EIN ALTER SACK GEWORDEN“-Keule, die mich mal wieder ohne Vorwarnung mitten in die Fresse erwischt hat.

Klar… ich Depp bin wahrscheinlich auch wieder der Einzige gewesen, der die letzte Nacht zuhause im Bett schlafend verbracht hat, während die ganze Welt (oder so gut wie alle aus meiner umfangreichen Freundesliste mit einer Frauenquote von exakt 94,3%) natürlich feiernd und partymachend unterwegs war. Ja, die Frauenquote stimmt… ich habs eben extra nochmal nachgezählt und ausgerechnet. Was soll man auch sonst anderes tun an einem Sonntagmorgen?

Warum war ich nicht feiern? Weil ich mal wieder keinen Bock hatte.. weil DVD-Programm und Bett wieder attraktiver waren als endlich mal wieder einen neuen Club zu suchen und nachts in Straßen rumzukurven, die man eh nicht kennt um dann Leute im Club zu treffen, die einem total fremd sind und wenn man doch mal einen kennt ist er/sie ca. 20 Jahre jünger… und weil man sich ja ohnehin blöd vorkommt oder was weiß ich (siehe mein Blog zum Thema Mayday).

Tja Leute, so siehts aus…. jetzt bleibt nur noch das Warten auf die erste Gummimatratze, die Zink-Cremes und die Hoffnung, dass nicht vergessen wird mich alle paar Stunden vielleicht mal umzudrehen, damit ich mich nicht wundliege…. und sowas nennt man dann „Zukunft“.

Da sollte man doch froh sein, dass man uns neuerdings (aktuell noch zumindest vorschlagsweise) bis zum 70. Lebensjahr arbeiten lassen will… da hat man wenigstens noch die Chance auf einen Abgang per Herzinfarkt am Arbeitsplatz. Wahrscheinlich gilt das in Zeiten der „marktkonformen Demokratie“, wie sie unsere Bundesmutti und Erdowahn-Gehilfin zu managen pflegt, bald als einziger noch ehrenwerter Ausstieg aus unserer zunehmend alternden Solidargemeinschaft.

In diesem Sinne, schönen Sonntag… wann immer ihr ihn nach euren Partynächten auch beginnen mögt… ihr beneidenswertes junges Volk 🙂

Liebe Grüße,
euer Olli (alt)

P.S. Wieso zu diesem Eintrag ein Bild von einem Gleisbett gezeigt wird? Weil ich es so schön depressiv finde. Für mich hat das was Trauriges, den Hauch von Abschied und Abreise… und das einzige, was mich da noch tröstet ist ein Zitat von Novalis…

„Wo gehen wir denn hin?“
„Immer nach Hause.“

(Novalis, „Heinrich von Ofterdingen“, Kapitel 24)

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